Die deutsche Neigung zum Flamewar

Ist das ein eher deutsches Phänomen? Eine Eingenheit deutscher Mentalität? Aus allen Diskussionen einen Streit zu entwickeln, der sich in unverhältnismässig deutliche Lobpreisungen oder Anfeindungen gegen Menschen, Spiele und Ansichten verfestigt?

Vor langer Zeit (und für entsprechende lange Zeit) war der Kampf DSA vs. (A)D&D prägend für die deutsche Rollenspielszene. Spieler, die beide Systeme parallel nutzten, waren selten und zumeist auf beiden Seiten der kriegsführenden Parteien gleich verpönt. Die meisten Diskutanten hatten das System, dass sie niedermachten, nie gespielt - wussten aber genau, dass dies auch absolut sinnlos wäre.
Erst das Abflauen der Bedeutung von D&D auf dem deutschen Markt beendete diesen Streit und verhinderte ebenfalls das Auftauchen einer "Pro D&D 4th" vs. "Anti D&D 4th" Diskussion in unseren Breiten. Auch "Pro oldschool" und "Anti oldschool" findet sich bei uns eher selten - da D&D 4th in Deutschland eher eine Totgeburt ist, verbindet viele alte Spieler noch eine gewisse Nähe mit den Ur-Versionen von (A)D&D.

Stattdessen entflammte die Diskussion "Pro Indie-Systeme" vs. "Pro Profi-Systeme". Plötzlich war für die eine Seite nur noch das gut, was von einer handvoll Amateuere geschaffen wurde - während die Gegner in den meisten Systemen nur schlechte Kopien bestehender Systeme oder viel zu komplexe Regel und Settingwerke sah. Und wieder einmal gab es, zumindest in den meisten Foren, nur 100% pro oder 100% anti: man spielte nur noch Indie-Systeme oder eben auf gar keinen Fall "diesen Schrott".

Und in den letzten Monaten wird nun Savage Worlds entweder frenetisch gefeiert und gegen jede Kritik mit Klauen und Zähnen verteidigt oder eben mehr oder weniger heftig kritisiert. Aber auch hier scheint ernsthafte Diskussion kaum möglich - auf einem befreundeten Blog entsprang erst kürzlich eine heftige Diskussion zum Thema, die sich mit jedem Posting mehr und mehr in Details verrannte und (meines Erachtens sehr wohl) berechtigte Kritik gar nicht wahrnehmen wollte. Auch ich habe mir Savage Worlds gekauft und gespielt und war überrascht, dass dieses Rollenspiel so eine frenetische Begeisterung bei einigen Spielern hervor rufen kann. Ich finde es wirklich nicht schlecht und man kann die Liebe, mit der es gemacht wurde, wirklich herauslesen - aber es hat seine Schwächen und Macken und erscheint mir alles andere als perfekt.

Ist es in Deutschland möglich, Diskussionen über Rollenspielsysteme zu führen - ohne daraus einen Glaubenskrieg zu machen? Gibt es nur 100% PRO oder 100% ANTI und nie ein "ja, ich spiele es, obwohl mir folgende Schwächen sehr wohl bekannt sind..."?

Und warum müssen negative Rezensionen in unseren Breiten immer gleich so allumfassend niedermachend sein? Zum Beispiel die Rezi zu Labyrinth Lords (auch wenn diese aus Österreich stammt), die auf der Seifenkiste zu Diskussion führte - die so eindeutig nur zerreissen und nicht ernsthaft rezensieren will?

Diskussionen in amerikanischen Foren und Blogs kommen nach meinem Gefühl mit weit weniger Hass und persönlichen Angriffen daher - egal, ob es um Edition Wars oder Rezensionen geht. Man muss doch auch diskutieren können, ohne sich gleich die Köpfe einzsuchlagen... oder?

 

Kommentare

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"Das System muss natürlich niemand mögen."

Gerade über Savage World wird hierzulande in den Foren sehr aggressiv geschrieben. (Ich erinnere an die letzte Zeit im Tanelorn, wo deswegen schon über ein "ins Exil schicken" des SW-Bereichs nachgedacht wurde.) Mich würde interessieren: Ist das in den englischen Foren auch so der Fall?
Das Problem ist in meinen Augen: "Das System muss natürlich niemand mögen." - in den Foren kommt aber leider oft das genaue Gegenteil rüber. Ich habe das einmal mit Apple verglichen, denn schon die Äußerung SW nicht zu mögen sorgt meist schon für "Gegenfeuer".

Nach meinem Gefühl rückt SW

Nach meinem Gefühl rückt SW erst langsam mehr in den Fokus der US Blogger Szene. Je mehr D&D 4th Ed. dort zurück tritt (auch wenn es bei weitem noch das Hauptsystem ist), desto mehr werden andere Systeme beleuchtet. Warhammer 40K, old school Systeme wie LL und auch Savage Worlds. Nach meinem Geschmack sachlicher - ohne die Huldigung, die es mancherorts hier erfährt. Aber vielleicht ändert sich das noch...

Die Tendenz, dass SW in Deutschland wirklich mit allen Mitteln verteidigt wird, war der Grund für diesen Blog Eintrag. Mich erinnerts an die Zeit, als DSA nicht kritisierbar war - ein Umstand, der sich erst mit der 3. Auflage dieses System änderte. Da wurde dann die Basis der Spieler selber so zersplittet (zwischen 1., 2. und 3. Auflage), dass auch "Kritik von aussen" plötzlich nicht mehr gänzlich abgeschmettert wurde / werden konnte.

 

Äh? Was?

Wo liest Du denn? Geflame gibt es überall und auch in anglophonen Foren ganz mies und dreckig.

Mal davon abgesehen, daß Du tierisch übertreibst, ist es doch auch müßig. Warum sollten Rollenspieler anders als Modellbauer und Guppyzüchter sein? Mich kotzt es eh an, daß Rollenspieler heiliger sein sollen als anderen Hobbytreibende und Deutsche da ganz besonders schlimm sein sollen. Schau mal nach warum rec.games.frp.advocacy gegründet wurde und überlege mal welche Früchte es getragen hat!

Ich bin daher fürs Köpfeeinschlagen! Aber bitte offen und ehrlich und wenigstens unterhaltsam und nicht dieser linke, nölende, passiv-aggressive Ton, der in den Foren vorherrscht.

Martin Schramm

Also ich treibe mich auf

Also ich treibe mich auf zahlreichen amerikanischen Blogs herum (die du unter www.rpgbloggers.com finden kannst), dem Forum von KenzerCo und einigen oldschool Foren rum. Letztere können tatsächlich manchmal einen derberen Ton anschlagen, aber selbst dann empfinde ich diese Postings zumeist als weniger oberlehrerhaft und gönnerhaft, als bei Diskussionen auf deutschen Foren.

Womit du Recht hast: warum sollten Rollenspieler besser diskutieren, als andere. Es ist leider Fakt, dass Diskussionen im Internet schnell zu Klein-Klein-Scharmützeln verkommen. Aber grade weil es sich "nur" um Rollenspiele handelt, sollte man doch vieles entspannter sehen können, als zum Beispiel beim Thema Politik, dass einen manches mal direkter zu betreffen scheint.

Neeeee....

Also in amerikanischen Foren geht es genau so hoch her, wenn Leute sich um die Vorzüge diverser Systeme oder Editionen eines Spiels streiten - damit zusammenhängend kann man sagen, dass ja "Flamewar" ein englisches Wort ist... ;-)

Ja, aber "deren" Form von

Ja, aber "deren" Form von Flamewar finde ich, im Vergleich zu vielen Auseinandersetzungen im Deutschen, eher soft. Meist sogar vergleichsweise humorvoll. Und ausser dem War zwischen 4th Ed / alles andere von D&D wird dort eh nicht viel geflamed, oder? Und selbst dieser ist im letzten halben Jahr deutlich abgeebbt...

Also im KnK Alehouse gibt es

Also im KnK Alehouse gibt es sogar deftig geführte Flames zwischen OD&D und AD&D-Anhängern... ;-)

Zoffen sie da nicht schon

Zoffen sie da nicht schon darüber, was überhaupt OD&D ist? ;)

100% ANTI

So ein Blödsinn! Absoluter Quatsch! Woanders ist das ganz genauso!
 
Bei dem Artikel musste ich das einfach mal machen. Aber eigentlich wollte ich was sachliches dazu schreiben :) Ich habe vor kurzem bei ENWorld (englisches RPG-Forum, wer es nicht kennt) einen Thread gelesen, der genau das gleich Thema behandelte. Nur ging es dabei darum, warum Rollenspieler immer so piensig sind und sich gegenseitig anfeinden. Sehr viele Posts schrieben dann darüber, dass es bei anderen Themen ganz genauso ist. Der Punkt ist vermutlich, dass man das nciht so mit bekommt. Wenn man primär in der deutschen RSP-Szene unterwegs ist, kann man ja entsprechende Flamewars nicht so mitkriegen. dazu käme dann noch die Sprachbarriere, auch wenn sie nicht allzu hoch ist gegenüber der englischsprachigen Welt. Also kurzum: Da dürfte es überall mehr oder midner gleich sein. Es ist einfach menschlich.
Was die SW-Diskussion angeht (ich nehme an, wir meinen dieselbe): Ich fand es halt sehr merkwürdig wegen kleiner Unausgegorenheiten das System  gleich komplett abzulehnen. Über die schiefen Wahrscheinlichkeiten kann man sich ärgern, aber dafür das System gleich ganz negativ zu belegen fand ich schon ziemlich mysteriös. Um über die Schwächen sachlich zu diskutieren sollte man sich auch auf eine sachliche Behandlung der Schwächen konzentrieren. Sachlich war die Behandlung in jedem Fall, aber die war verpackt in eine Gesamtablehnung. Das passte irgendwie nicht so ganz zusammen. Das System muss natürlich niemand mögen. Ungeschickt formuliert war der Artikel aber trotzdem, wenn der Autor über die Schwächen diskutieren wollte.

Ich verfolge hauptsächliche

Ich verfolge hauptsächliche die anglo-amerikanische Bloggiong Szene und dort finde ich selbst den (wie sie es nennen) Flamewar rund um D&D 4th noch richtig lieb. Vergleichsweise zu solchen, die ich auf Tanelorn (sp.?) und andernorts erlebt habe.

Enworld erschien mir eigentlich auch immer recht friedlich, aber durch die Fokussierung auf 4th Ed. bzw. Pathfinder schaue ich dort nur noch unregelmässig vorbei.

Bei der SW Diskussion meinen wir sicherlich die selbe. Ich empfand die Rezi nicht als Verriss - vielmehr hat er versucht zu begründen, warum ihm der Hipe rund um das System unverständlich ist. Denn so perfekt, wie viele tun, ist es einfach nicht. Das nicht alle Kritikpunkte 100% wasserdicht waren... da hast du sicherlich recht.

RPG Streits

Das wundert mich jetzt aber doch. Konnte man hier nicht immer mit die subjektivsten und unbegründetsten Ablehnungen gegenüber D&D4 lesen?http://www.cyric.de/rollenspiel-blog/endlich-rollenspiel-mit-dd-4th-ed
ich glaube nicht, daß es typisch deutsch ist, habe aber zugegebenermaßen auch wenig Vergleich. beiziehst du deinen Beitrag nun auf Internetdiskussionen oder auf die allgemeine Spielerschaft? Es gab und gibt sehr wohl genügend Pro/Contra D&D4 Streits im Internet, die Pro/Anti Indie Streits dagegen kenne ich nur aus ganz kleinen Enklaven.

Eigentlich auf die Internet

Eigentlich auf die Internet Community, aber der Streit DSA vs. AD&D war vor dem Durchbruch des Internets in den Rollenspielläden selbst am schärfsten. Ich werde nicht vergessen, wie ich in einem (mittlerweile seit langem geschlossenem) Laden heir in Flensburg ein Gespräch miterlebte, bei dem der Besitzer einem potentiellen Käufer partout kein AD&D verkaufen wollte, weil es DSA ja so sehr unterlegen sei. Auf das Beharren des Kunden reagierte er immer unwirscher, bis der Kunde letztendlich den Laden verliess und bei der Konkurenz kaufte.

Meine Abneigung gegenüber D&D 4th Ed. ist (für mich) begründet. Ich habe des Spielerhandbuch komplett gelesen, einige Passagen mehrfach. Es reitzt mich nicht zu spielen und in unserer Gruppe haben es auch die anderen Spielleiter abgelehnt, obwohl sich mehrere zumindest das Spielerhandbuch gekauft haben. Ich sehe aber sehr wohl das Bemühen WotC's beim Regelwerk und verteufel niemanden, der es spielt oder lobt.

Foren …

Ein Grund, warum ich viel weniger in Foren schreibe, als man erwarten könnte.

Bis auf Einzelfälle sind die Flammenkriege auf diese Art an mir vorbei gegangen. Lucky me.

Aus Foren habe ich mich aus

Aus Foren habe ich mich aus dem selben Grund schon lange zurück gezogen. Leider. Ich vermisse manches mal die positiven Diskussionen, Hinweise und Tipps aus der Riege anderer Spielleiter und Spieler. Aber dann erinner ich mich an all die Streitereien, die ich erlebt habe... und das Vermissen endet aprubt.

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