Wer sich die diesjährigen Ennie Awards ansieht wird eingestehen müssen, dass sie ein Tiefschlag für Wizards of the Coast und vor allem die 4th Edition von D&D sind. So sehr die D&D Essential Line auch einen Teil aktueller Diskussionen auf Rollenspiel Blogs diktiert, so sehr scheint die Spieltische der Szene Pathfinder aka D&D 3.75 zu beherrschen.
Zahlreiche goldene Ennies gehen an die Fortsetzung der 3er Edition von D&D, während Wizards mit einem Ennie für seine Miniaturen Produktlinie vorlieb nehmen muss. Liegt es wirklich nur daran, dass die große schweigende Mehrheit sich nicht für Ennies, Onlinediskussionen und alte Regelwerke interessiert? Oder zeigt sich hier eine drastische Verschiebung im Markt für Rollenspiele?
Mit Blick auf die Präsentation der WotC Geschäftszahlen vom letzten Jahr, bei denen das Segment Rollenspiel im Vergleich zu Trading Cards nur eine vernichtend geringe Aufmerksamkeit erhielt, darf man ruhig über die Zukunft spekulieren. Am wahrscheinlichsten erachte ich folgendes Szenario:
- die Essential Line erscheint und wird nun auch noch die 4th Ed Gemeinde weiter zersplittern
- während die 4th Ed Core Rules ein Jahr lang keine neuen Produkte erhalten, wird die Essential Line lediglich einen anfänglichen Erfolg auf dem Markt aufweisen - den einen werden die Änderung zu weit gehen, den anderen bei weitem nicht weit genug, um sie von alten (A)D&D Versionen zurück zu gewinnen und alle anderen bleiben einfach bei den bestehenden 4th Ed Regelwerken
- Im Frühjahr des Jahres 2011 wird WotC den Aufwand für die Essentials den Erlösen gegenüber stellen, dann Prognosen zu einem Aufleben der Core Reihe erarbeiten - und der Aufwand / das finanzielle Risiko wird sich, auch gegenüber den Eigentümer Hasbro, nicht mehr rechtfertigen lassen
- Im Herbst 2011 WotC wird die D&D Lizenz für den Bereich Rollenspiel Print Prublikationen veräussern und nach derzeitiger Marktstruktur wird Paizzo mehr als glücklich sein, diese zu erwerben.
Das ist natürlich nur ein / mein Hirngespinst. Und ich denke auch nicht, dass ein Erwerb durch Paizzo ein gutes Omen wäre - denn dies würde eine 5th Edition hervorbringen, die stark dem Pathfinder System ähnelt oder zumindest dort ihre Wurzeln hätte. Und meiner Meinung nach war die 3rd Edition schon kein großer Wurf und hat sich zu sehr von der 1st / 2nd Ed entfernt. Aber das ist natürlich noch fantastischere Spekulation, als der vorangegangene Text...
Ich wünsche der Essential Line auf jeden Fall einen großen Erfolg - und sei es nur, um die alljährlichen Weinachtsentlassungen bei WotC im Bereich D&D zu verhindern. Aber natürlich auch, damit zahlreiche neue und ehemalige Spieler ins Hobby finden. Allein - es scheint mir nicht all zu wahrscheinlich.
Kommentare
Ich denke nicht :)
Ich glaube nicht, dass die Ennies hier etwas zu sagen haben. Die Wizards arbeiten an einem Modell, in dem sie die RPG Entwicklung und Veröffentlichungen mehr so betreiben, wie wir es von Tabletop-Systemen wir Warhammer kennen. Es gibt eine stetige Weiterentwicklung mit jedem neuen Buch geht es ein wenig voran. Dass so eine neue Strategie vielleicht gefährlich ist, kann man sich denken, und dass sie nicht von allen gewürdigt wird, sollte auch klar sein.
Der Rollenspielmarkt ist immerhin von altspielern dominiert und dann ist das mit der Innovation so eine Sache. Nur wenn wir keine Innovationen kriegen stirbt der Markt ja schon fast zwangsläufig langsam vor sich hin. (Es gibt da gewisse parallelen zum US-Comicmarkt).
Ich hab mir aber Mal dein Szenario vorgenommen und mir darauf basierend eigene Gedanken in meinem Blog gemacht.
Noch weiter zurückzugehen, zur 2nd oder 1st Edition würde ich für noch einen grösseren Fehler halten. So gewinnt man erst recht keine neuen Spieler.
Was meiner Meinung nach aber auch nicht hilft ist das Marketing von Innovationen der Wizards (dazu schreibe ich sicher auch noch einen eigenen Artikel). Die Idee ist ja immer noch, neue Spieler zu gewinnen und ihnen den Einstieg zu erleichtern. Darum die Essentials und die neue Red Box. Aber wo ist denn die Marketingkampagne, die diese neuen Leute, die ja noch kein Rollenspiel spielen, abholt? Klar sehe ich anzeigen - aber wo sehe ich sie? In Rollenspielpublikationen, auf Seiten die sich mit Rollenspiel beschäftigen und in Comics (einem ebenfalls sterbenden Markt). Wie soll das denn bitte funktionieren?
Und auch das Marketing der Essentials für bestehende Spieler ist eher grottig. Wenn man nicht will, dass sich der Markt weiter spaltet, hätte man den bestehenden Spielern vielleicht Mal den Beweis erbringen können, dass die Essentials zum bestehenden System passen. Und das wie ist ja wohl offensichtlich: Indem man, wie bisher auch, über den DDI eine oder mehrere der neuen Klassen mit limitierten Optionen komplett (für den Heroic Tier) zur Verfügung gestellt hätte. Dabei hätte man dann am besten auch gezeigt, wie sich die Essentials mit dem besteneden System integrieren (multiclassing? Power-Swapping?). Aber man hat sich für die Veröffentlichung von Bruckstücken für alle entschieden, wobei im Endeffekt niemand mit den Bruchstücken wirklich etwas anfangen kann. Was dann wieder grosse Spekulationen hervorruft.
Wenn die 4. Edition scheitert, dann scheitert sie nicht an ihrem System und ihren innovationen. Sie scheitert an ihrem Marketing. Ich weiß nicht, was die Wizards sich denken und ich weiß nicht, was Hasbro da im Hintergrund macht, aber eigentlich muss da doch wesentlich mehr drin sein!
Ist das wirklich ein Modell -
Ist das wirklich ein Modell - oder hat sich das durch die Verlegung von Dragon und Dungeon ins Internet (DDI) einfach so ergeben? Früher waren die Regeln in den Print Medien Optionen - durch DDI wurden sie zu offiziellen Errata oder Erweiterungen.
Der US Comic Markt leidet ja hauptsächlich unter den Handlungssträngen vieler Comic Reihen - Superhelden sterben und kehren wieder, Supergegner sterben und kommen wieder, sterben und kommen wieder, sterben und... gähn.
Das Marketing von WotC ist nicht glücklich, aber sie haben sich ihrer Hauptplattform ja auch selbst beraubt. Der Dragon sollte ja durch seine Covergestaltung neue Leser anlocken - durch seine Verbreitung im Zeitschriftenhandel, an Flughäfen und an Bahnhöfen der USA war dies ja gegeben. Und die Leserbriefseiten waren in den 90ern voll von Beschwerdemails, als die Chief-Editors immer mal wieder das Design in einer Art änderten, die Nicht-Gamer dazu bringen sollte, das Heft zumindest einmal testweise zu kaufen. Wo sollte WotC denn heute noch werben? Ausser Plakaten an GamingStores und Aktionen wie dem D&D Day bleibt nichts mehr - und wer soll die D&D Days mit Leben füllen, wenn grade die alten Spieler vergrault wurden?
Ich sage nicht, dass ein sich hinbewegen zu AD&D 1st und 2nd für die 5th Ed. eine Lösung wäre. Aber wenn man alte Spieler für eine neue Edition gewinnen will, dann darf ein Regelwerk sich nicht wie eine pen&paper Version von WOW anfühlen. Das kann nicht funktionieren. WOW Spieler sind m. E. keine potentiellen p&p Rollenspieler - nur umgekehrt wird da ein Schuh draus. Leider. Und ein neues D&D sollte als Basis D&D (Box) beginnen und dann ein Advanced nachliefern - so erschalgen die Regeln zu Anfang nicht und wer angefixt wurde, der kauft schon all die weiteren (teureren) Hardcoverbände.
TSR hat in den 80ern zu erfolgreichen Buch- und Kinoreihen entsprechende Rollenspiele heraus gebracht . Buck Rogers, Conan, etc. So konnten neue Spieler ins Hobby gezogen werden. Heute ist die Barriere zu unserem Hobby m. E. so niedrig wie noch nie - kaum einer schüttelt noch den Kopf über Rollenspieler. Da gibts viel größere Freaks. Alles, aas es braucht, ist ein regelleichtes Basissytem, das durch weltweite Verbreitung Marktmacht und Geld für Marketing besitzt. Dann könnte eine goldgräberstimmung wie in den 80ern entstehen. Die Zeit ist absolut reif dafür!
Und jetzt springe ich mal in deine Blog rüber ;)
Jepp - ist ein Modell
Ich glaube nicht, dass die Probleme aus Richtung des DDI kommen. Die WIzards wollen ja sogar ihre digitale Initiative vorantreiben. Mit den Möglichkeiten, die ein Spielleiter und die Spieler heute haben (Netbooks, Tablets) wurde es wirklich Mal Zeit, dass hier jemand die Gelegenheit ergreift.
Was heute an Korrekturen und Erweiterungen möglich ist, dank online publizierter Errata ist früher nicht möglich gewesen. Wenn ein Regelwerk erst Mal fertig war, wurde daran so gut wie nichts mehr gemacht und das hat IMO vielen Spielen geschadet. Wie hätte man auch Verbesserungen an den Mann bringen können? Die Möglichkeit Printmedien zu nutzen gibt es ja immer noch und die Wizards tun es auch. Es gibt sogar Annuals von Dungeon und Dragon (auch wenn insbesondere beim Dungeon Annual Verbesserungsbedarf besteht).
Das Marketing über weitere Medien betreiben die Wizards ja auch immer noch: Romane erscheinen Regelmässig, aber das reicht einfach noch nicht. Da sollte es doch froh stimmen, dass es wohl bald ein neues Computerspiel geben könnte. Atari wird es uns hoffentlich bald wissen lassen. Das Regelwerk wäre auf jeden Fall besser geeignet, als jedes bisher existierende.Ich schätze auch, dass Dungeon und Dragon in ihrer Hlfsvermarktung nicht sonderlich erfolgreich waren, sonst hätte man das Modell nicht aufgegeben.
Und der US-Comicmarkt leidet IMO nicht unter vielen Handlungssträngen. Das Sterben und wiederkommen beschreibt aber das Problem sehr gut: Man will ums verrecken keine Veränderung. Darum kommen die Helden ja auch immer wieder. Beziehungsweise: Die Editoren und Schreiber würden schon Veränderungen wollen, aber die Fans wollen sie nicht. Und da ist unser Teufelskreislauf. Es hilft natürlich nicht, dass man heute 20 Serien zu 4$ hat, wo man früher 5 Serien zu 2$ hatte. Was hier Henne und was das Ei ist, weiß ich aber nicht zu sagen. Der Rollenspielmarkt steuert nicht ganz so schlimm in diese Richtung, aber auch hier herrscht Stagnation oder zumindest zu wenig innovation vor.
Vielleicht hat aber noch niemand die richtige Innovation gefunden (auch die Wizards mit 4e nicht). Ich glaube wenn da jemand die zündende Idee hätte, dann würde es auch wieder voran gehen. Wie so eine Art Schallmauer, die erst Mal durchbrochen werden will.
Und zuletzt teile ich auch deine Meinung nicht, dass man aus dem MMORPG Bereich keine Spieler abholen kann. Ich glaube genau da kann man ansetzen und ihnen zeigen, was ein Rollenspiel alles bieten kann, über das Erlebnis eine MMORPG hinaus. Natürlich kriegt man da nicht viele, der Unterschied ist immerhin riesig, und es NUR da zu versuchen ist natürlich nicht richtig. Aber die Prinzipien auf ein Pen and Paper Spiel zu übertragen ist vollkommen richtig. Im MMORGP spielt Balancing und EInsetzbarkeit aller Charaktere an möglichst allen Stellen im Spiel eine große Rolle, genau so wie eine ansprechende Präsentation und viel Action und eine einfache Zugänglichkeit. All das hat 4e erreicht. Das ist schon der richtige Weg. Was vielleicht noch fehlt ist das, was jetzt versucht wird: Mehr Fluff. Mehr Story.
Wir werden sehen.
Welche D&D4 Produkte wurden denn eingereicht und nominiert?
Bei den nominierten Produkten konnte ich kaum D&D4 Produkte finden, wurden keine eingereicht, oder wurden alle D&D4 Kandidaten schon im Vorfeld von der Jury aussortiert?
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Man kann wohl davon ausgehen, dass WotC seine Produkte eingereicht hat - schließlich sind die ENnies neben den Origins Awards wohl die mitlerweile wichtigste Trophäe im Bereich Rollenspiel.
Szenario
Ich halte das aufgezeigte Szenario auch für wahrscheinlich, jedenfalls wenn die Essentials keine Wunder vollbringen, woran ich nicht glaube. Ich hatte in meinem Blog vor kurzem auch auf die Möglichkeit eines Verkaufs der Lizenz hingewiesen, wenn die hektischen Rettungsaktionen nicht fruchten.